Nichts ist unmöglich …

Im Jahre 1984 habe ich meinen ersten Scherenschnitt gemacht. Man könnte auch sagen, dass es aus lauter Neugier geschehen ist. Wie mein Erstlingswerk ausgesehen hat, habe ich schon in meinem Beitrag „mein Erstlingswerk“ geschildert und bebildert. Seither sind bald 34 Jahre vergangen und ich denke, dass die Weiterentwicklung nie aufgehört hat. Persönlich bin ich aber der Meinung, dass man sich in Sachen Weiterentwicklung auch selber sabotieren kann. Das Scherenschneiden ist seit 1988 mein Beruf und die meisten Werke entstanden als Auftragsarbeiten. Zwischendurch habe ich immer wieder ein bisschen experimentiert und dazugelernt.  Ich kann aber behaupten, dass ich meinem Stil vom ersten Tag an treu geblieben bin. An zahlreichen Ausstellungen habe ich seither mitgemacht und zusammen mit befreundeten Scherenschneidern kleinere Ausstellungen organisiert. 

Ein einziges Mal habe ich auf Wunsch eines Kunden auch etwas Farbiges geschnitten, habe aber sofort gespürt, dass dies nicht mir entspricht. Da es mein Beruf war und ich damit meinen Lebensunterhalt verdient habe, wollte ich mir auch nicht den Ast absägen, auf welchem ich gerade mal einigermassen bequem sitzen konnte. Aufgewachsen und während 59 Jahren wohnhaft im Saanenland, habe ich bis heute einen sehr engen Bezug zum dort „ansässigen“ traditionellen und typischen Stil des Scherenschnittes.

Auftragsarbeiten bedeuten immer wieder spannende und teilweise auch sehr aussergewöhnliche Herausforderungen, welche meinen Berufsalltag immer interessant gestalten. Trotzdem ist mir mein traditioneller Stil immer noch das Wichtigste und ich werde diesen Weg – solange ich schneiden kann – wohl auch nicht mehr verlassen.

34 Jahre Scherenschneiden, wovon 30 Jahre als Beruf – eine ziemliche lange Zeit. Ich überlege gerade, wieviele Jahre ich insgesamt wohl mit Papier und Schere in der Hand verbracht habe. Nicht immer ist alles gelungen und wie jeder andere Scherenschneider, habe ich am Anfang von meinem Vorbild Christian Schwizgebel abgeschaut, habe aber immer selber gezeichnet. Trotzdem habe ich innert kürzester Zeit meine eigene Bildsprache gefunden und wer sich ein bisschen mit dem Scherenschnitt befasst, kann meine Werke erkennen, genau wie man jeden anderen Künstler erkennen kann.

Das Thema Urheberrechtsverletzung und Missbrauch unserer Motive würde mehr als einen Blogbeitrag bedeuten und vielleicht komme ich später wirklich nochmal auf dieses Thema zurück. Das Kopieren ist auch ein grosses Thema. Sicher ist, dass der Scherenschnitt nicht NEU erfunden werden kann. Eine Art „déjà-vu“ ist jederzeit möglich und muss nicht mal willentlich geschehen.  Die Geschichte des Scherenschnittes ist sehr alt und führt weit zurück bis nach China. 

In der heutigen Zeit des Internets haben leider auch viele fantasielose Menschen das Gefühl, es handle sich hierbei um einen Selbstbedienungsladen und alles, aber wirklich auch alles sei erlaubt. Motive werden geklaut, abgekupfert und kommerziell genutzt. Einen Gerichtsentscheid gibt es in dieser Angelegenheit leider noch nicht aber wenigstens konnte eine sehr bekannte Scherenschneiderin jetzt erstmals einen für uns alle wichtigen Erfolg vermelden.  Drei Verhandlungsrunden waren für eine aussergerichtliche Einigung notwendig. (St.Galler Tagblatt  7.12.2017,  B. Lanzendorfer)

Die Angst kopiert oder beklaut zu werden droht vielen Scherenschneidern die Freude an ihrer Arbeit zu schmälern und das darf einfach nicht passieren. Sollen wir nur noch für uns im stillen Kämmerchen schneiden und uns nicht mehr trauen, etwas zu publizieren, weil es sofort geklaut und missbraucht wird. Ich hoffe es nicht!

Umso erstaunter habe ich vor wenigen Stunden eine Anfrage per Mail bekommen. Irgendwo in diesem Lande hat ein Ehemann gerade mit dem Scherenschnitt begonnen. Er möchte aber keinen Kurs machen, sondern nur für sich selbst. Ich zitiere wörtlich: so zur Entspannung vom Alltagsstress.

Der gute Mann findet aber anscheinend keine VORLAGEN und wenn schon, müssten dies Vektor Dateien sein. Vektor Dateien könnten von der Frau digital eingefärbt und dann auf schwarzes Scherenschnitt-Papier gedruckt werden. Sie würde mir entsprechende Vorlagen gerne abkaufen und ihm diese dann zu Weihnachten schenken.

Nichts ist unmöglich …!  Ich habe 34 Jahre Erfahrung und habe gefühlte 8 Jahre mit der Schere in der Hand verbracht und er will meine Vorlagen einfach so zur Entspannung vom Alltagsstress ausschneiden???  Wie wäre es, wenn ich einen Profi-Pianisten bitten würde, mir doch bitte seine Version von Beethovens Mondscheinsonate per Mail zu schicken und ich würde diese auf mein Keyboard stellen und dann einfach nachspielen.  Nicht dass ich etwa meine Scherenschnitte mit der Mondscheinsonate auf eine Ebene stellen möchte, mitnichten.  Aber so ganz spontan hat mir diese Idee sogar sehr gut gefallen.

Vergiss es liebe Ehefrau, schenk deinem Ehemann ein Block Scherenschnittpapier, einen gut gespitzten Bleistift, einen Radiergummi, eine Scherenschnitt-Schere und dann lass ihn das ausschneiden, was er auch selber zeichnen kann. Wer nicht selber zeichnen kann, soll besser gar nicht erst auf die Idee kommen, sich an einen Scherenschnitt zu wagen und schon gar nicht an eine Vorlage. Oder vielleicht doch einen Anfängerkurs besuchen?

Soviel zum Thema Entspannung vom Alltagsstress als Scherenschneider.

eure entspannte Piccolina

4 Gedanken zu “Nichts ist unmöglich …

  1. Die schönsten Scherenschnitte sind von Dir … ich schaffe es inzwischen sogar, andere von Deinen zu unterscheiden … aber ich würde es niemals schaffen, etwas selber zu zeichnen … ich bin erstens total talentfrei und zweitens würde mir die Geduld für diese wunderbare Arbeit fehlen. Da bist Du einmalig!!! 🙂

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